Die-Gen eration-Z

Christian Scholz Gedanken und Materialien zur Generation Z



 

Generation Z in Frankreich: Allein oder frei? (Impressionen Berlinale 2018)

von Christian Scholz am 20. April 2018

Die dreieinhalbjährigen Zwillinge Cléo und Paul, zwei Kinder offenbar aus der gehobenen Mittelschicht Frankreichs, irren im Film „Allons enfants“ durch einen Pariser Vergnügungspark: Sie haben sich verlaufen, die Nanny ist weg, die Kinder sind alleine, suchen ausdauernd einander, dann treffen sie sich und verbringen den Rest der Nacht zusammen, bis sie von zwei Männern abgeholt werden.

Cléo trifft auf eine verlorene, unglückliche junge Maklerin: Sie kümmert sich notgedrungen und völlig überfordert um Cléo. Ansonsten fallen die zwei betreuungslosen Kinder niemandem auf. Als Louise die knapp vierjährige Cléo bei der Polizei abgeben will, erklärt diese sich für nicht zuständig und verweist an die Security, die aber auch nicht hilft, weil sie das wegen der Antiterror-Regelungen angeblich nicht mehr darf.

Paul trifft ziemlich gelassen auf schwer bewaffnete Soldaten. Aber auch diese gehen unauffällig weg und machen keine Anstalten, sich um Paul zu kümmern. Immerhin lassen sie ihm die schweren Waffen nicht ausprobieren – was ihn aber nicht dauerhaft unglücklich macht.

Der Film lebt von seiner Improvisation, von den Kindern, die wirklich durch die Menge drängeln und den Vater suchen. Es gibt wenig erkennbar-vorher definierte Dialoge. Die Dynamik ergibt sich aus der Dynamik des Vergnügungsparks, die entsprechend „bewegt“ und oft mit einer niedrig positionierten Kamera die Sicht der Kinder gar nicht eingefangen werden muss, sondern die sich im wahrsten Sinne des Wortes aufdrängt. Was auch hilft: Die Zwillinge Cléo und Paul werden von den Kindern des Regisseurs Stéphane Demoustier gespielt, woraus sich eine ganz eigenartige Mischung aus Neugierde, Weglaufen und dann Verlorensein ergibt. Und: Gerade das Mädchen konnte schon allein deshalb sehr überzeugend nach seinem Vater rufen, wenn er im Gedränge tatsächlich nicht mehr zu sehen war.

Für diesen Film gibt es zwei Lesarten – und das ist gut so:

Die eine ist die Sicht des Regisseurs Stéphane Demoustier, wie er sie nach der Berlinale-Premiere erläuterte. Für ihn ist der Film ein Symbol für die Freiheit der französischen Jugend, Seiner Interpretation nach zeigt sein Film, wie unbekümmert Kinder durch das auch heute noch sehr sichere Paris laufen können. Kinder dürfen die Nacht irgendwo im Park verbringen und die Erwachsenen tolerieren das – so, wie es oft der Generation der Babyboomer nachgesagt wird, die auch unbekümmert spielen und irgendwann nach Hause kommen durften.

Aus einer andere Sicht drückt dieser Film mit den quälend lange alleine herumirrenden Kindern die Gleichgültigkeit der Gesellschaft aus. Zwei kleine Kinder irren einen Nachmittag plus eine Nacht lang durch einen Vergnügungspark – und (abgesehen von der jungen Frau und einem kurz auftauchenden Obdachlosen) fällt dies niemandem auf, niemand kümmert sich, niemand fühlt sich betroffen, niemand greift ein, niemand hilft.

Beide Lesarten haben ihre Berechtigung, die erste vielleicht als Wunschdenken, die zweite vielleicht als Realität. Damit bietet der Film genug Stoff zur Diskussion: Vielleicht hätte der Regisseur auf seine eindeutige Interpretation verzichten sollen und eben dieser Diskussion freien Lauf lassen sollen. Vielleicht aber regt auch gerade seine durchaus fast schon als einseitig bezeichenbare Erklärung zur Diskussion an.

P.S. Übrigens zeiget auf der Berlinale der Kurzfilm “Je fais où te me dis“ in der Sparte Generation 14plus  den Umgang mit der Brutalität des Alleinseins in Frankreich, ausgedrückt als Rebellion der sexueller Identität eines jungen Mädchens im Rollstuhl.

Christian Scholz, 17. Februar 2018

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