Die-Gen eration-Z

Christian Scholz Gedanken und Materialien zur Generation Z



 

Neil Postman über die Generation Z

von Christian Scholz am 15. Mai 2018

Dieser Text wurde nicht von Neil Postman geschrieben.
Aber vielleicht hätte er ihn so geschrieben.
Also: Einfach mal lesen …..
Und: Die Generation Z kann ja Ihre eigene Interpretation von dem anhängen, was Neil Postman geschrieben haben hätte können …..

 

Christian Scholz[1]

Die Generation Z und das Ende der Kultur – ein Artikel, der nie von Neil Postman geschrieben wurde[2]

Ich finde es einfach toll, hier und jetzt mit der „Generation Z“ die Möglichkeit zu haben, über etwas zu sprechen, worüber ich zumindest in dieser Terminologie noch nie nachgedacht habe.

Als ich mich Anfang der 1980er Jahre mit Medien und ihrem Einfluss auf die Gesellschaft zu beschäftigen begann, benutzte ich den Begriff „Fernsehen“. Zu dieser Zeit war TV das Medium schlechthin. Jetzt ist es das Internet, Whatsapp, Netflix, Instagram und es sind – man denke nur Donald Trump – Twitter und Facebook.

Als ich Anfang der 1980er Jahre über Generationen schrieb, habe ich extrapoliert und mir überlegt, was kommt und was kommen wird. Und zehn Jahre später, betrat genau diese Generation, die mir Alpträume bereitet hatte, den Planeten Erde und sitzt jetzt in unseren Schulen, unseren Büros, unseren U-Bahnen, unseren Häusern.

Die Generation Z ist bizarr: Sie reden nicht mehr miteinander, sie „texten“ über Whatsapp. Sie kommunizieren nicht mehr; sie bespaßen sich über Snapchat. Sie tauschen keine Ideen mehr aus; sie tauschen Bilder über Instagram. Sie diskutieren nicht über Vorschläge und Visionen der Zukunft; sie diskutieren über gutes Aussehen, Prominente und Werbespots. Für sie ist „Liking“ keine Emotion, sondern ein Betätigen vom „Like-Button“.

Wenn ernsthafte Konversation zum Baby-Talk wird, ist das Ende der Kultur nahe.

Die Generation Z wirkt absolut kindisch. Sie benehmen sich wie kleine Kinder, wie kleine Anime-Charaktere aus japanischen Cartoons. Das gilt für die Sprache, für die Gesprächsthemen, für das Freizeitverhalten, für die Nicht-Übernahme von Verantwortung.

Aber gleichzeitig werden die werden Mitglieder der Generation Z unsichtbar schneller erwachsen, wofür es den schönen Ausdruck KGOY gibt (kids to grow older, younger: Kinder werden früher älter). Ein typisches Beispiel: Fünfjährige müssen schon dem Schulpsychologen übergeben werden. Oder: 15-Jährige treffen die Verbraucherentscheidung für die ganze Familie. Dieses Phänomen habe ich übrigens bereits 1982 das „Verschwinden der Kindheit“ genannt.

Während Werbespots die Generation Z in Richtung KGOY lenken, verhält sich die Generation Z umgekehrt und bleibt für immer auf der Stufe der 10-Jährigen. Wir könnten Generation Z auch F10 nennen (ähnlich dem Modegeschäft Forever 21). Das Leben der Generation Z wird durch Trivialitäten gelenkt und neu definiert als eine ununterbrochene Kette von Vergnügungen und Tweets – ohne Verantwortung, ohne Ernst, ohne wirkliche Bedeutung.

Das Internet spiegelt nicht nur die menschliche Natur und die Natur der Generation Z wider. Das Internet schafft genau diese menschliche Natur und ganz besondere die Generation Z. Alle diese schrecklichen Belanglosigkeiten im Internet: Die Mädchen werden reich, indem sie Videos über einen neuen Lidschatten veröffentlichen; die Jungen indem sie Videos über sich beim Spielen von Videospielen posten.

Das Internet mit allen seinen (un-)sozialen Medien wurde nicht für Idioten geschaffen. Es schafft sie. Die Generation Z lebt in einer Welt, die auf dem Bildschirm zur Schau gestellt wird.

Vor langer Zeit formulierte ich folgende Aussage: „Das Internet verändert die Bedeutung von informiert werden, indem es eine Art von Information schafft, die man korrekt Desinformation nennen könnte. Ich verwende dieses Wort fast genau in dem Sinne, in dem es Spione der CIA oder des KGB benutzen. Desinformation bedeutet nicht falsche Information. Es bedeutet irreführende Information – irrtümliche, irrelevante, bruchstückhafte oder oberflächliche Information; Information, die Illusionen erzeugt, etwas zu wissen, uns aber tatsächlich vom Wissen wegführt.“

Genau das haben wir jetzt. Wir haben „Fake News“ und „Facebook“.

Auf der einen Seite haben wir die Welt, wie CNN sie uns zeigt, auf der anderen Seite haben wir Tweets, die ebenfalls Realität schaffen. Die Generation Z wird von „Influencern“ geleitet, die dafür sorgen, dass sie bestimmte Jeans tragen (natürlich alle grundsätzlich die gleichen), die sie dazu bringen, bestimmte Filme zu lieben (natürlich alle die gleichen), die sie dazu bringen, bestimmte Musik zu lieben (natürlich alle die gleiche) und schließlich bestimmte Wege aufzeigen, sich zu amüsieren (natürlich alle die gleichen).

Im Gegensatz zur Generation X sehen die Kinder der Generation Z nett aus, benehmen sich nett – auch gegenüber älteren Menschen, obwohl ihnen diese vollkommen egal ist. Babyboomer wollten, als sie jung waren, nie älter als 30 werden. Die Generation Z betrachtet nichts als relevant, was von jemandem älter als 30 kommt. Das Internet filtert diese Personen aus dem Bildschirm heraus und die Generation Z filtert sie aus der Realität heraus.

Gegenwärtig kritisieren einige Donald Trump dafür, dass er seinen Präsidentschaftswahlkampf wie eine Reality-Show geführt hat. Aber er scheint es zu lieben, die Medien scheinen es zu lieben (weil es Publikum schafft), und Wähler lieben es. Es ist alles von den Medien erschaffen.

In den 1980ern sahen wir Shows wie Dallas, in den 1990ern Beverly Hills 90210. Und alle liebten es; jeder hasste es, alle wurden aufgeregt.

Die Generation Z ist einen Schritt weiter gegangen. Sie sehen sich selbst in dieser Welt der Illoyalität von Dallas. Sie verlassen einen Job ohne Vorankündigung und kümmern sich nicht um die davon betroffenen Kollegen. Natürlich hat J. R. Ewing das Gleiche getan, indem er Leute willkürlich feuerte. Aber die Generation Z glaubt, dass das Leben nur aus persönlicher Belustigung, Spaß und Lachen besteht. Und damit ist die Generation Z ist glücklich.

Aber wer ist dafür verantwortlich? Meine Antwort: Lehrer, Eltern, Politiker, CEOs, Firmen, Medien. Wir alle verantwortlich.

Lassen Sie uns nur über eine Gruppe sprechen: Lehrer an Schulen und Professoren an Universitäten geben Impulse, wenn sie die Leistung der Generation Z bewerten. Aber: Sie müssen die Generation Z glücklich machen. Wenn Lehrer einen Schüler kritisieren oder gar schlechte Noten geben, geraten sie in Schwierigkeiten. Lehrer werden zu Animateuren. Sie sind Teil der Unterhaltungsindustrie. Bei aller Ablenkung haben die Lehrer kaum noch die Möglichkeit, ernsthaft mit Schülern über ernste Themen zu sprechen. Und so geben sie auf.

Die Generation Z ist fast schon in trauriger Weise unbegründet glücklich.

Das Ziel, jemanden glücklich zu machen und negative Erfahrungen zu vermeiden, sahen wir damals in der von Aldous Huxley beschriebenen Soma-Droge. Und jetzt: Jeder, der diese Generation Z glücklich machen will (und das sind wir alle), wird Soma für die Generation Z.

Zum Schluss möchte ich noch einmal Huxley mit seinem großartigen Buch „Brave New World“ heranziehen. In seiner „Schönen neue Welt“ sollte uns nicht Sorgen bereiteten, dass die Menschen lachen statt zu denken, sondern dass sie nicht mehr wussten, worüber sie lachten und warum sie aufgehört haben, zu denken.

Und das ist genau meine Angst, wenn ich mir die heute Generation Z anschaue.

 

 

 

[1] Christian Scholz (scholz@1v.com), Professor für Organisation, Personal- und Informationsmanagement. Während er in seinem Buch Generation Z (Wiley 2014) und auf seiner Webseite www.die-generation-z.de optimistischer bezüglich der jungen Generation argumentiert, folgt er doch zu einem gewissen Grad der Logik von Neil Postman, wie er sie entwickelt hätte, wenn er über die Generation Z geschrieben hätte.

[2] Neil Postman, 1931 – 2003, Professor für Kommunikationstheorie. Autor, unter anderem, von The disappearance of childhood, New York 1982, Amusing ourselves to death, speech given at the Frankfurt Book Fair 1984, Amusing ourselves to death: Public discourse in the age of show business, New York 1985. Der Aufsatz „Die Generation Z und das Ende der Kultur – ein Artikel, der nie von Neil Postman geschrieben wurde“ ist von diesen drei Quellen inspiriert.

Ein Kommentar zu “Neil Postman über die Generation Z

  1. Christian Trenz meint:

    Hier mal meine Version aus der Vorlesung zu Neil Postman’s fiktiver Aussage über die Generation Z:

    Geboren in eine Welt, in welcher das Wissen der Menschheit sich alle fünf bis zwölf Jahre verdoppelt, existiert eine Generation, welche teilweise im Widerspruch zu ihrer Zeit lebt. Während eine immer größer werdene Flut an Bürokratie durch Institutionen, Gesetze und Verordnungen sowie Informationen durch Fernsehen, Internet und allgemein Werbung, versucht die Aufmerksamkeit der Menschen auf sich zu ziehen, versucht die Generation Z dieser Flut durch personalisierte, auf das wichtigste kompromitierte, Anwendungen Herr zu werden. Teilweise findet sogar ein Informationsaufnahmestopp durch Abschottung gegenüber der Gesellschaft (Symbolisch durch das Weglegen den Handies und dem Verzichten auf soziale Netzwerke) statt. Im Zentrum steht die Optimierung der persönlich zur Verfügung stehenden Zeit und eine Selektion der zur Verfügung stehenden Informationen.
    Die Zukunft wird zeigen ob dieser Trend anhält, oder sich der rasante Zuwachs an Informationen gegen den Willen der Generation durchsetzen wird.

    Christian T.